Auf dem Nachhauseweg brauchte mein Herz nicht lange, um meinen Verstand in
den Griff zu bekommen, stand mein Plan fest. Klar war, ich mußte etwas ganz
Verrücktes tun, was die Aufmerksamkeit der Bevölkerung erregen würde, eine
außergewöhnliche Aktion, die den Ernst meiner Absichten für den Frieden
deutlich machen mußte. Dann fragte ich mich: Was würde Jesus heute an meiner
Stelle tun, wenn ich damals für ihn am Kreuz gestorben wäre? Und ich fragte
weiter: Welchen Körper würde Jesus unterstützen, weil dieser die beste Idee
für ein Leben in brüderlicher Liebe besitzt? Und ich fragte mich: Wer kann mich
daran hindern, meinem Herzen zu folgen?
Am 12. Dezember 1988 beschloß ich, mit dem Fahrrad nach Moskau zu fahren,
Start in zehn Tagen. Reiner Wahnsinn, dieses Unternehmen, ich wußte das.
Zwanzig Jahre hatte ich auf keinem Fahrrad mehr gesessen, seit vielen
Monaten war ich durch die Buchschreiberei zum reinen Schreibtischtäter
geworden. Alleine, ohne jede Unterstützung fünftausend Kilometer durch
Europa fahren, das konnte doch nur schief gehen. Bilder tauchten vor mir auf,
wie ich im dichten Schneetreiben und klirrender Kälte erschöpft vom Rad falle
und einsam am Straßenrand sterbe. Nein, davor hatte ich keine Angst, hörte
wieder seine Mut machenden Worte von da „Oben“: "Wolfgang, du machst das
schon". Ein paar Tage später kaufte ich ein sehr stabiles Tourenrad,
Packtaschen und ein paar Wegekarten. Mein Herz quoll über vor unbändigem
Glück, und ich schrieb in mein Tagebuch: Der Frieden aus Deutschland wird
stellvertretend für alle friedlichen Ideen nach Moskau gelangen, und diesen
Frieden werden amerikanische Raketen nicht aufhalten können. Die Idee der
Liebe wird noch leben, wenn alle Soldaten dieser verrückten Welt bereits 1.000
mal gestorben sind.
Plötzlich bekamen auch meine Gedanken über das Wesen von Grenzen eine viel
tiefere Bedeutung:
Auf der Welt gibt es keine Partei der guten Menschen. Mit "gut" meine ich
weder die körperlichen noch die verstandesmäßigen Fähigkeiten, sondern die
Fähigkeiten der Seele. Wüßte die gute Seele, daß noch 4,75 Milliarden (95%
der Weltbevölkerung) andere gute Seelen auf der Erde leben, würde sie sich
wie selbstverständlich in dieses System der Guten einordnen. In dem Kreis
Gleichgesinnter fänden sie Schutz, Förderung und ein oberstes Gesetz als
Grundlage für jedes Handeln: Die äußeren Grenzen auflösen.
Der bereits fest installierte Tod von Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit
betrifft alle Menschen und alle Lager: Grüne und Rote, Sozialhilfeempfänger
und Milliardäre, Träumer und Realisten sind von der Wahrscheinlichkeit einer
Katastrophe gleichermaßen betroffen, wie Pfarrer und Verbrecher, Juden und
Moslems und die keimende Hoffnung des werdenden Lebens unserer
ungeborenen Kinder.
Niemand hat bisher bemerkt, daß es auf der Welt nur noch eine einzige Grenze
gibt: die Grenze zwischen Gut und Böse. Denn: Die bestehende Gewalt der A-B-
C-Waffen hat alle nur denkbaren Grenzen übersprungen, und darum sind -
gottseidank - alle bestehenden Grenzen solange außer Kraft gesetzt, bis die
Möglichkeit der Vernichtung unwiderruflich aufgehoben ist. Betroffen sind alle
Grenzen zwischen Staaten, Völkern, Rassen und Mann und Frau. Erst wenn die
Bedrohung insgesamt beseitigt ist, können wir - wenn überhaupt noch notwendig
- wieder über Grenzen nachdenken. Die Behandlung des Grenzproblems hat eine
absolute Priorität, und wir können unseren Plan nur durchführen, indem wir
innerhalb der Gruppe der guten Menschen jede Uneinigkeit aufheben.
Nicht betrachten, was von anderen unterscheidet, sondern nach
Gemeinsamkeiten suchen, denn diese Gemeinsamkeiten verbinden mehr mit der
Welt, als die Unterschiede von ihr trennen. Nur wer seine inneren Grenzen alle
erkannt hat, und weiß, daß es verschiedene Grenzen gibt, wird in die Lage
versetzt, frei entscheiden zu können, und die Grenzen verschwinden zu lassen.
Jede Grenze zerschneidet den Gedanken für das Ganze, und jede Idee wird
durch einen Unterschied gestoppt. Auch die Menschenrechte werden geteilt,
aber es gibt keinen Sinn für unsere Welt, wenn in einem Land die Rechte
beachtet werden - und in einem anderen Land nicht. Es gibt keine Grenzen, die
das Recht einer guten Seele teilen kann, aber wohl kann die Verantwortung
sinken, darauf zu achten, daß die Rechte beachtet werden.
Irgendwie konnte ich es kaum glauben. Vor ein paar Wochen hatte ich noch
geschrieben, war nur ein Denker:
Allein mit dem geschriebenen Wort kann niemand etwas anfangen, wenn nicht
gleichzeitig eine Verbindung zum täglich Praktizierten geschaffen wird. Wir
brauchen viele gute Menschen mit Wissen und Verantwortung, die aus
Programmen Pläne und aus Plänen Aktionen machen. Wir brauchen Frauen wie
Männer, mit Willen, Tatkraft, Überzeugung - und Unbeirrbarkeit über den
körperlichen Tod hinaus. Nicht-engagierte Menschen sind eine brachliegende
Energie, die uns fehlt. Und wenn sie nicht unsere Ideen unterstützen, sind sie
empfänglich für schlechte Ideen. Jeder muß seine Aufgabe erkennen - und sie
erfüllen können.
Aufbruch - Wo liegt Moskau?
Das technisch hervorragende Fahrrad nahm in meinem Bewusstsein keine
Position ein. Meine Gefühle beim Kauf bestanden in der Auswahl eines
Ledersattels, den ich unbedingt wollte, und dass ich zwei Jahre Kleingeld
gesammelt hatte und die Summe für den Kaufpreis ausreichte. Freude konnte
ich über meinen Besitz nicht empfinden. Zu ungewiss war, was ich mit dem neuen
Gefährten erleben würde. Nicht nur eine Reise ins Ungewisse erwartete mich,
auch die Umstände waren jenseits all meiner bürgerlichen Erfahrungen, eine
Fahrt ins Blaue, bar jeder Vernunft, ohne Vorbereitung, ohne Hilfe, ohne
Training, ohne Geld. Klar, mental war ich stark, meine Motivation kam aus dem
Zentrum meines Lebens. Gleichzeitig aber rumorte der wahnsinnige Aspekt
meines Vorhabens heftig in meinem Unterbewusstsein. In einer Vision sah ich
mich einsam und verlassen in der Kälte einer Schneewüste am Wegesrand
liegen. Wäre der Blick in die Zukunft nicht Grund genug gewesen, meinen Plan zu
ändern? Nun, in die hintersten Winkel meiner Seele kann ich auch nicht sehen. In
meinem Buch und in unverarbeiteten Notizen finden sich jedoch einige
Anhaltspunkte, die einen Status erhellen können, den Menschen vielleicht Mut
nennen.
Erfüllte Jesus die Vorhersagen des Alten Testaments?
Die Propheten des Alten Testaments haben Ereignisse vorausgesagt, weil sie in
die Zukunft sehen konnten (d.h. mehr oder weniger zeitlose Wahrnehmungen
hatten). Jesus kannte diese Schriften, aber er brauchte sich dieser
Vorhersagen nicht zu bedienen, denn er lebte in der zeitlosen Wahrheit seiner
Seele, und konnte ebenfalls Ereignisse vorhersagen.
Unsere Seelen kennen keine Zeit, und wenn Jesus sagte: "Das Reich Gottes
wird anbrechen in meiner Zeit", hat das mit der irdischen Zeit nichts zu tun.
Jesus meint die unendliche Zeit der Gedanken, der Ideen, der Hoffnung und
der Liebe. Die reinen, wertvollen Gefühle haben ein ewiges Leben, sie sterben
nicht, wenn ein Körper stirbt.
Und Jesus sagte: "Gottes Reich wird kommen, solange die Menschen an mich
glauben".
Und ich sage: "Wenn du das Leben Jesus' verstehst und als richtig akzeptierst,
erkennst du den Willen Gottes in dir".
Ohne Seele - ohne Verantwortung
Einen Zusammenhang kann ich heute noch nicht verstehen. Es gibt nicht wenige
Menschen (Realisten), die glauben an gar nichts: nicht an ihre Seele, nicht an
Gott und nicht an ein Leben nach dem Tod und nicht an eine Wiedergeburt.
Daraus entwickelt sich ihr Standpunkt: wir sind einmalig. Wenn sie einmalig sind,
haben sie nur einmal die Chance, etwas zu leisten, ein Produkt zu erschaffen für
die Welt, oder ihr Land, ihr Dorf oder nur für ihre Kinder. Warum sind die
"Einmaligen" aber nicht bestrebt, ein optimales Produkt in ihrer Lebenszeit zu
erzielen, zumal dieses Produkt erhalten bleibt, solange die Zeit mit Leben
verbunden ist? Unrecht tun, Unrecht dulden und auch sehen, wie Unrecht
geduldet wird sind Bausteine für unsere weitere Entwicklung. Aber die
Menschen, die von ihrer ein-maligen Herrlichkeit überzeugt sind, handeln genau
entgegengesetzt:
"Nach mir die Sintflut und auf Teufel komm raus ihr Leben mit Ereignissen und
Leistungen voll stopfen, seien sie auch noch so zweifelhaft. Und sie MÜSSEN
hoffen, dass sie sich mit ihrem Tod von der ewigen Verantwortung befreit
haben".
Der Sinn unseres Lebens und der Inhalt unserer Existenz wird durch unsere
Fähigkeit bestimmt, inwieweit wir die Bedürfnisse der Seele von den
Ansprüchen des Körpers trennen können. Das ist eine unserer wichtigsten
Aufgaben, die wir erfüllen müssen: den Menschen fähig zu machen, zwischen
den Gefühlen der Seele, des Verstands und des Körpers zu unterscheiden. Bei
diesem Lernprozess können und wollen wir nicht "normale" Intelligenzbegriffe
entwickeln, denn wir lernen für ein neues Ziel: Überleben.
Wie können wir unseren Fehler, den Ungehorsam im Paradies, wiedergut-
machen? Mit absoluter Sicherheit ist die Lösung bereits bekannt, wir haben sie
nur noch nicht entdeckt.
In Gedanken spreche ich mit den guten Seelen, die ohne Körper sind und nur
durch unsere Hilfe erlöst werden können: "Warum tut ihr nicht auch etwas für
uns; ihr müsst auch helfen, den Lauf der materiellen Dinge zu wenden, denn es
betrifft auch euch". Dann folgte eine Idee; die gute Tat ist: Jeder gute Mensch
hat erkannt, dass es besser ist, für die Ideale Gottes zu sterben; dass es
besser ist, für seine Überzeugung den Körper aufzugeben, als das Böse zu
dulden. Sich vom Körper zu trennen heißt ja, sich vom Bösen zu trennen, denn
das Böse ist im Körper. Das hieße für mich, die Menschen sind bereit, wie Jesus
am Kreuz zu sterben. Viele Millionen Menschen akzeptierten schon einen
ähnlichen Tod wie Jesus, weil ihre Überzeugung ihr Schicksal war - und nicht
der körperliche Tod.
Am nächsten Morgen denke ich: die Menschen fügen sich doch auch in das
Schicksal der atomaren Vernichtung, und mit der Vernichtung aller Lebens wäre
das Problem der Existenz auch gelöst. Aber - denen es egal ist, was mit
unserer Welt passiert, gehen den Weg passiv und dulden das Unrecht für ihre
Nächsten.
Ich habe Jesus als Idee Gottes noch immer nicht verstanden. In seinem Leben
liegt wohl der letzte Schlüssel verborgen. Vielleicht, wenn wir sein Leben richtig
gedeutet haben, wird unseren Seelen die Freiheit wieder gegeben. Eines ist
sicher: wir haben die Identität verloren, die Gott von uns hat. Wir haben die
Kraft zu leben, aber uns fehlt die Kraft zu sterben. Wir können nicht alle wie
Jesus leben, aber wir können alle wie Jesus unser Kreuz tragen, indem wir uns
in unsere Bestimmung fügen. "Ich meine, wenn wir schon sterben müssen,
können wir auch bestimmen, mit welcher Ursache der körperliche Tod eintritt,
und dass wir für die Gerechtigkeit mit frohem Herzen sterben".
Scheinbar schrieb ich damals keine normalen Emotionen nieder. Etwas anderes
war in mir erweckt worden, was mit „Glauben und Inspiration“ zu tun hatte und
was mich auf eine fatalistische Ebene schob. Und so nahmen diese Dinge, wo man
nur schwer zwischen Schicksal und Freiheit unterscheiden kann, eben ihren Lauf.
Mit meiner geschäftlichen Pleite begann eine Art zweiter Karriere auf einem
Bildungsweg, der in keinem Lehrbuch beschrieben steht. Genau genommen
arbeitete da wieder mein zentrales Problem mit, – gerade war alles in einer
stabilen bürgerlichen Ordnung, das Haus gemütlich eingerichtet, der Garten mit
Blumen und Gemüse bepflanzt, nette Nachbarn, Freunde, ein soziales Umfeld,
alles Familiäre geregelt, das Geschäftliche auch -, um den weiteren Werdegang
zu gestalten. Selbst was meine nette Nachbarin über die Beziehung zu meiner
Lebenspartnerin geweissagt hatte: „Wenn das mit Carmen mal gut geht – sei dir
da nicht so sicher“, konnte meine Aufmerksamkeit nicht vom neuen Weg
ablenken.
Plötzlich saß ich selber in dem Sattel, der für irgendwelche anonymen Menschen
gedacht worden war. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott? Am 22. Dezember
fuhr ich wie geplant los.
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