Carmen bringt mich zurück nach Ahausen. Ich belade mein Fahrrad und
verabschiede mich von Gerhard; die anderen lassen sich gar nicht blicken. Auf
geht's, zwar ein bisschen traurig, jedoch mehr froh. Meine Idee ist stärker als der
Wunsch nach Zweisamkeit. Morgens im Bett packte mich schon die nackte Wut,
als Carmen das fünfte Mal versucht, mich zum Dableiben zu überreden.
Starker Seitenwind, ein grauer Tag. Fußgänger begegnen mir, denen ich "Frohe
Weihnacht" wünsche. Sie reagieren unterschiedlich, ein überraschtes "Danke",
ein freudiges "Danke gleichfalls", starre Blicke geradeaus. Die Fahrt ist gut,
Sitzfläche und Sattel vertragen sich besser, und nach drei Stunden stehe ich vor
der Jugendherberge. Geschlossen! Ein junger Mann öffnet auf mein Klingeln,
telefoniert mit dem Herbergsvater und gibt dessen abschlägigen Bescheid an mich
weiter. Oh, so leicht gebe ich nicht auf: "Ich bin arm, arbeite für den Frieden, bin
bedürfnislos, nur eine kleine trockene Ecke brauch' ich, schlafe auf der Erde".
Das deutsche Regelwerk setzt sich durch. Nein! Traurig sage ich: "Dann setzen
sie mich also vor die Tür". Jetzt schaut der Bursche doch etwas berührt drein,
spürt seine wenig menschliche Haltung, murmelt ein: „Es tut mir leid“. "Nein",
sage ich hart, "das stimmt nicht, es tut ihnen nicht leid". Wir gehen versöhnlich
auseinander.
Zur Feier, als mein Buch fertig wurde, bekam ich ein Buch geschenkt,
„Deutschland zu Fuß“, ein Mann wandert mit seinem Hund durch die Lande,
landet in der Einsamkeit der Berge bei einem Sennhirten in einer Almhütte. Die
Geschichte hatte mich doppelt berührt, seine Erlebnisse, und sein Motiv: er wollte
ein Buch schreiben. Der junge Mann in der Herberge weiß mehr: „Der Typ hat
hier in der Gegend gewohnt, wurde mit seinen Erlebnissen nicht fertig und hat
sich umgebracht“. Etwas beginnt in mir zu wühlen, undefinierbar, nur eine Frage
bleibt: darf man sich, als Wanderer verkleidet das Wohlwollen seiner
Mitmenschen erschleichen?
Im Dorf komme ich an einer großen Kirche vorbei, die jedoch verschlossen ist.
Vom Pastor weit und breit keine Spur. Vielleicht hätte er mir eine
Privatunterkunft in seiner Gemeinde nachweisen können. Fahre einem Schild
nach, das eine Pension offeriert und finde dabei das Kirchenbüro. Eine ältere
Dame öffnet ihr Fenster, nimmt mein "Frohe Weihnachten" und schickt mich in
das hintere Haus zum Pastor. Herr Sch. ist ein Supertyp, lässt mich meine
Geschichte ausführlich erzählen, gibt mir Kaffe und Kuchen und das Sofa im
Gemeindebüro, obwohl ihm das als nicht ausreichend erscheint. Aber ich bin
glücklich, überglücklich, denn genau so stellte ich mir meinen Weg vor: ein hartes
Lager inmitten menschlicher Wärme. "Sind sie auch ehrlich? Ich muss fragen,
wegen der schlechten Erfahrungen". Ich versichere ihm meine ehrlichen
Absichten, obwohl das die anderen sicher genauso taten, erzähle ihm aber
fairerweise, dass ich nicht Mitglied einer Kirche bin, meinen eigenen Gott habe.
Er murmelt nur: "Ja, ja, solche Götter gibt es viele", schwingt sich aufs Rad,
bringt mich zur Kirche, drückt mir mit den Worten "der passt für alles" einen
Schlüssel in die Hand. Dann bin ich alleine. Im Paradies: drei Sofas zur Auswahl,
eine Küche, eine Toilette, eine Heizung, auf der ich meine pitschnass
geschwitzten Sachen trockne. Ich bin sehr dankbar, schlinge die vier Stücke
Kuchen in Rekordzeit hinunter, bin nicht satt, aber immer noch dankbar, probiere
das schönste Sofa aus, lese ein paar Seiten, träume vor mich hin, bade in meinen
Glücksgefühlen. Das armselig scheinende Leben tobt in meinem Herzen wie ein
Wirbelsturm.
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Der Morgen beschert mir, kaum das ich aufgestanden bin eine bunte
Gesellschaft. Der erste ist Helmut, der mir seine Geschichte erzählt. Er war
todkrank, unheilbar, und nur der Glaube an Gott hat ihn gerettet. Er ist jetzt
Marathonläufer, bringt sportliche Höchstleistung in seiner Altersklasse. Ein
Wunder?
(Wie das mit einem „Flow“ funktioniert hatte ich schon erklärt. Nun denkt manch
einer der besser über die Schöpfungsstruktur Informierten, warum ich für meine
Recherche nicht den allgemeinen Informationsfundus benutze, der in besagten
Kreisen „Omegapunkt“ genannt wird. Klar, grundsätzlich sind dort alle
Informationen gespeichert – aber nicht alle sind verfügbar. Als Außenstehender
kann man sich das dort waltende Prinzip so vorstellen, als sei am Ende eines
Gangs ein Fenster, das erst sichtbar wird, nachdem man um ein paar Ecken
gegangen ist. Warum das so ist? Es hat mit dem Ausblick zu tun, dass
Voraussetzungen erfüllt sein müssen für eine bestimmte Art der dort existierenden
Wahrnehmung.
Also, wer nun meint, er könne mit einem Flow alle Informations-kanäle öffnen,
der irrt. Auch ich brauchte eine Zeit der Entwicklung, bis ich intuitiv motiviert
war, mein altes, nicht öffentliches Tagebuch wieder zur Hand zu nehmen. Das
ist eine der Freiheiten des Menschen, über sein persönliches Wissen verfügen zu
können. Der Zeitpunkt kam, als ich mich mit dem Wunderheiler "Bruno Gröning"
beschäftigte, oder besser, mit seinem Wesen beschäftigt wurde. Im weiteren
Verlauf greife ich noch des öfteren auf seine Lehren zurück. will hier ich nur eine
kurze Information einfügen, die sich auch in meine zentrales Thema „Glauben
und Inspiration“ fügt.
Bruno sprach:
Ich gebe Ihnen zu wissen, wer eine Berechtigung auf Heilung hat: Eine
Berechtigung hat der Mensch, der bereits den göttlichen Glauben in sich trägt und
mit ihm gelebt hat. Eine Berechtigung hat ferner, wer den Glauben an unseren
Herrgott, den Glauben an unseren himmlischen Vater verloren hat, aber jetzt
wieder bereit ist, ihn in sich aufzunehmen, und ebenfalls bereit ist, mit ihm zu
leben.
Wer empfängt und wer hat ein Recht auf Heilung? Ein Recht hat nur der, der den
göttlichen Glauben in sich trägt. Ich gebe Ihnen zu wissen, dass Sie alle, so wie
Sie hier und überall in dieser großen und göttlichen Welt leben, nur Kinder Gottes
sind. Der alleinige Arzt, der Arzt aller Menschen, ist und bleibt unser Herrgott.
Nur Er kann helfen. Er hilft aber nur dem Menschen, der den Weg zu Ihm
gefunden hat oder aber bereit ist, den Weg anzutreten, den Glauben in sich
aufzunehmen und mit ihm zu leben. Sie brauchen nicht an den kleinen Gröning
zu glauben, aber Vertrauen müssen Sie mir entgegenbringen und dem Herrgott
für Seine große Tat, für Seine große Macht, für Seine Herrlichkeit danken.
Vertraue und glaube - es hilft, es heilt die göttliche Kraft.
Meine Einstellung zu Bruno ist ambivalent. Einerseits hat er Recht, weil er viel
Menschen heilte. Andererseits kann ich seinen Vorstellungen von Glauben nicht
folgen.)
Schulleiter Klaus ist der nächste. Seine Bitte paßt auf meinen Weg. Er bemüht
sich seit einiger Zeit erfolglos darum, eine freundschaftliche Beziehung mit einer
russischen Schule bei Kiew aufzubauen: "Kannst du da mal in Moskau
vorsprechen?" Ich schreib's auf, na klar mach ich das. Die alte Küsterin kommt,
schüttelt mir die Hand, der Pastor kommt, fragt nach meinem Wohlbefinden, ein
paar Kinder kommen - und ich muß weiter. Ein kleiner Stich an einer Stelle im
Herzen, an der es noch viele Male während meiner Wanderschaft piksen wird.
Licht und Schatten, Freud' und Leid in einer Mahlzeit. Alles erringen ist eben
unmöglich, nur ist "fast Alles" viel besser als "fast Nichts".
Der Weg nach Celle führt durch die Lüneburger Heide, ein großes
Naturschutzgebiet und zugleich ein großer Truppenübungsplatz. Kasernen,
Stacheldraht, Panzer, plattgewalzte Landschaft, um Lebensqualität abzusichern;
verdrehte Realität. Eine Bache, Wild-schweinmutter mit Kind, schaut mich
interessiert an, senkt den Kopf, läßt ihre Hauer in der Morgensonne blitzen. Alles
okay, Mädchen, schön ruhig bleiben, ich bin's doch nur, der friedliche Radler,
sage ich beschwörend, jedoch bereit zu einem schnellen Antritt. Sie scheint es zu
verstehen, bewahrt den Frieden.
Kurz vor Celle ist ein großes Blumengeschäft, deren Spezialität Orchideen sind.
War hier als Orchideenfan Stammkunde, und zufällig arbeitet hier eine junge
Frau, die zusammen mit ihrem Freund Vormieterin unseres Hauses war.
Natürlich besuche ich sie, treffe dabei eine nette Dame aus Hamburg-Wohldorf,
die sich sehr für mein Buch interessiert. Kann eine Übernachtung bei den
Freunden vereinbaren. Beruhigt fahre ich zur Celleschen Zeitung, mache das
Interview mit Herrn Wagner, ein netter Mensch. Über seine gefestigte Position
zum Leben will er nicht sprechen, würgt die Unterhaltung ab mit "Ich akzeptiere
sie, akzeptieren sie mich". Merkwürdig, was er dann noch sagt: "Ich werde
sachlich und emotionslos berichten". Muss ein Reporter das erwähnen, der immer
so berichtet? Egal, er wird’s schon machen, so oder so.
Immer wieder konfrontiert mich meine Geschichte mit dem Wesen von
Synchronizität. Während ich in meinem alten Tagebuch stöbere, bearbeite ich
auch einige Texte aus dem Buch „Die Prophezeiungen von Celestine“. Einen
Abschnitt, der mit Energie zu tun hat, interessiert mich besonders, auch und
gerade wegen des Freundeskreises, der sich um den geistigen Nachlass des
Heilers scharte.
Der Unnahbare
Diese Personen sind in ihrer eigenen inneren Welt der ungelösten Konflikte,
Ängste und Selbstzweifel gefangen. Unterbewusst sind sie der Ansicht, dass,
wenn sie mysteriös oder über den Dingen stehend erscheinen, andere sie aus
dieser Position erlösen werden. Oftmals einsam, sind sie auf Distanz bedacht, da
sie fürchten, einen fremden Willen aufgedrängt zu bekommen oder in ihren
Entscheidungen hinterfragt zu werden (so wie es die elterlichen
Vernehmungsbeamten getan haben). Sie sind der Ansicht, alles selbst erledigen zu
müssen, und bitten nicht um Hilfe. Sie beanspruchen viel Freiraum und
vermeiden es oft, bindende Zugeständnisse zu machen. Als Kindern wurde ihnen
häufig der Wunsch nach Unabhängigkeit und die Würdigung ihrer eigenen
Identität verweigert.
Der Abend wird richtig gemütlich, leckeres Essen, ein Gläschen Wein, eine gute
Unterhaltung mit guten Tips von Andre, wie dies und das mit meinem Buch
besser gehen könnte. Ein frisch gemachtes Bett im kühlen Einzelzimmer, schlafen
bei offenem Fenster, Ruhe ringsherum, wie ich es gerne mag. Und so schlafe ich
wiederum einfach himmlisch.
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