Zum Fliegen braucht man auch kleine Federn

Opa Emil war Fischer gewesen. Einmal wäre er auf hoher See fast

ertrunken.
"Wir waren wie immer rausgefahren. Willi, Hugo, Carl, Fritz und ich. Wir hatten gehofft, dass wir noch vor dem Unwetter zurück sind. Aber es kam anders als wir dachten. Der Sturm kam auf. Wir versuchten die Netze einzuholen. Plötzlich kam die Welle. Zehn Meter hoch wird sie wohl gewesen sein. Das Schiff kenterte. Zuerst sah ich Willi. Er konnte ja schwimmen. Ich dachte: "Hättest du doch auch schwimmen gelernt." Ich hatte ein Ruder gegriffen. Ich hielt das Ruder fest. Das Ruder riss mich immer wieder nach oben. Oben sah ich immer wieder Willi, wie er gegen die Wellen anschwamm. Er schwamm mit seiner ganzen Kraft. Ich hielt nur das Ruder fest. Ich konnte nichts machen.

Dann sah ich wieder Willi. Er hatte aufgegeben. So schloss ich auch die

Augen. Ich vertraute mich dem Meer an. Wenn die Wellen mich hoch warfen, dann bekam ich wieder Luft. So ging das lange Zeit. Ich wurde immer müder.

Manchmal war ich wach, und manchmal war ich kurz vor dem

Einschlafen. Die Wellen machten mir keine Angst mehr. Vom Leben hatte ich Abschied genommen. Wie im Halbschlaf öffnete ich die Augen als mich eine Welle nach oben riss. Ich traute meinen Augen nicht. Die Wellen trugen mich an Land. Am Land standen sie schon mit großen Angelhaken. Ich rief mit aller Kraft: "Ich lebe, ich lebe..." Da hörte ich, wie sie "Emil" riefen. Sie machten eine Kette und holten mich ab. Für die anderen war es die letzte Fahrt gewesen."




Die Wellen - eine Geschichte von Iris Mann

Ich wollte, ich könnte so sein. Ich könnte mich den Wellen überlassen.

Nicht mehr krampfhaft rudern und strampeln, nicht wie verrückt schwimmen, sondern mich einfach treiben lassen, im Vertrauen, dass ich getragen werde.

zitiert aus
Iris Mann: Die Ewigkeit ist jetzt. Pädagogische Gleichnisse

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