Wetter, um ein paar Stunden im angenehm kühlen Ostbachtal zu
verbringen. Moritz spielt mit seinem Freund. Sie bauen sich ein
Zelt auf, stauen den Bach, planschen herum. Ringsum Mütter,
Väter, Kinder - Familien. Ich sitze eher lustlos auf einer Bank im
Schatten - weder mein Buch noch meine Kamera, noch Wolfgang,
der mich mit einer Kanne Kaffee besucht, können mich
aufheitern. Wie schon oft zu Beginn der großen Ferien, bin ich
mal wieder in ein sehr tiefes Loch gefallen, weiß nicht so recht,
was tun mit all der Zeit, obwohl doch so viel liegen geblieben ist,
was getan werden müsste.
Ein älterer Herr kommt vorbei, fragt, ob er sich zu mir setzen
dürfe. Natürlich darf er, auf der Bank ist ja reichlich Platz. Und
trotz meiner sehr düsteren Stimmung kommen wir bald in ein
intensives Gespräch.
Er erzählte vom Krieg. Jahrgang 1922 wird er schon mit 19
Jahren eingezogen und an die Front geschickt. Bald wird er zum
ersten Mal verwundet: Ein Durchschuss des rechten Oberarmes,
der den Knochen zertrümmert. Es folgen neun Monate im
Lazarett. "Meine beste Zeit in dem Krieg", sagt er, "trotz der
Schmerzen und der monatelang eiternden Wunde." Klar, hier ist
er relativ sicher und relativ gut versorgt gewesen. Aber kaum
genesen geht es wieder an die Front, diesmal in den Osten. Auch
hier wird er verwundet. Ein Splitter trifft ihn oberhalb des
rechten Auges und bleibt dort stecken. Die Wunde blutet wie
verrückt. Ein Vorgesetzter drückt ihm einen Lappen darauf und
sagt: "Sehen sie zu, wie sie nach Hause kommen". Das ist leichter
gesagt als getan. Irgendwie schlägt er sich mit einem ebenfalls
verletzten Kumpel in den Westen durch und landet nach Wochen
in Hamburg. Den Splitter, der inzwischen fast aus der Wunde
geeitert ist, lässt er stecken. Den braucht er als Beweis, dass er
nicht desertiert ist. "Wenn sie das geglaubt hätten, hätten sie
uns direkt an die Wand gestellt." Schließlich gerät er zunächst in
amerikanische, anschließend in französische
Kriegsgefangenschaft, arbeitet zwei Jahre auf einem Hof im
Elsass. Dann endlich darf er heim, fängt als Bergmann in Kamen
an, wo er 40 Jahre arbeitet. Sicher ein nicht untypischer
Lebenslauf von Männern, die zu seiner Zeit geboren sind. "Bei all
dem habe ich immer einen Schutzengel gehabt", sagt er zum
Schluss. Da hat er wohl recht, denn sonst wäre er nicht nach
Hause gekommen, wie so viele andere, hätte keinen Sohn, von
dem er mir heute stolz erzählt.
|