Wer hätte nicht schon mal mehr oder weniger
leidenschaftlich "Idiot" gesagt; ich natürlich auch.
Erinnerte mich eben auf dem Weg zum
Supermarkt an meinen Bruder, dass der in ganz
jungen Jahren "Indiot" sagte, worüber alle
lachten. Als ihm mit 19 auf dem Motorrad der
Arsch abgefahren wurde, konnte er Idiot gut
ausprechen, nur hatte er keine Chance, das dem
Arzt zu sagen, der einen Moment nicht aufpaßte
und ihn aus dem Leben riss. Sein Letztes Wort, als
ich ihn auf dem Sterbebett besuchte, war
artverwandt, nur ein Flüstern: "Scheiße".
Jedenfalls komme ich auf dem Weg durchs
Spaktolantenviertel mehr als mir lieb ist in die
Situation, das Wort Idiot zu gebrauchen, wobei es
egal ist, ob ich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs
bin. Heute dachte ich über das Wort nach. Es hat
ja über das Schimpfwort hinaus eine medizinische
Terminologie. Na, wenn ich zu einem Idioten
"Idiot" sage, ist das jedenfalls völlig daneben,
weil, wenn er ein Schwachsinniger ist, das gar nicht
verstehen könnte. Wenn ich Idiot zu einem
Nichtidioten sage, ist das ja genauso unangebracht.
Und wenn er das als Beleidigung auffasst und
leicht erregbaren Gemüts ist, kann ich zu mir,
während ich mir das blaue Auge kühle, selber
sagen: Idiot. In dem Falle hätte der Begriff
jedenfalls eine gewisse Berechtigung.
Idiot wird ja in der Regel, meine im täglichen
Geschäft, der genannt, der etwas schräge
Verhaltensweisen zeitigt. Aber auch der, der nicht
das tut, was man normalerweise täte. Will mal, sie
fiel mir gerade ein, die Geschichte von dem
Arbeiter aus dem Sägewerk erzählen, auch wenn
sie nicht ganz zum Thema paßt. Es ist
Weihnachtsfeier und der Mann feiert seine
fünfundzwanzigjährige Betriebszugehörigkeit; es
wird gefeiert und natürlich ordentlich getrunken.
Bier- und schnapsselig vertraut er dem Chef an,
er habe jeden Tag einen Tasche voll Holz mit nach
Hause genommen. Der Chef rechnet blitzschnell,
sagt, das seien ja sieben Eisenbahnwaggons voll
und kündigt dem Mann fristlos. So weit, so gut. Am
Sonntag beichtet der Mann seine Sünden, er hätte
sieben Eisenbahnwaggons Holz geklaut. Sagt der
Pfarrer: "Du Idiot, hättest du mal jeden Tag eine
Aktentasche voll mitgenommen".
Jedenfalls kann das Normale oder was als
"normal" gilt durchaus auch verrückt sein. Im
Spaktolantenviertel leben mehrheitlich die
Grenzfälle des Bürgertums. Ich empfinde diese
Menschen eigentlich als ganz normal. Zu den ich im
Stillen Idiot sage, sind die "normalen" Bürger, die
im Mercedes, BMW oder Audi mit hoher
Geschwindigkeit durch den Ort rasen, um
entweder Frust abzureagieren oder die der
echten Freude verwandten Rauschgefühle zu
generieren. Um Zeit zu sparen rasen sie
keinesfalls. Wenn sie das echt glauben, mit
wahnsinnigem Tun könnten sie die Grundlage für
eine sinn- und freudvolle Phase legen, irren sie.
Und so ist es ja tatsächlich: nur der wirklich
Verrückte kann sein Verrücktsein nicht erkennen.
Würden es die Raser erkennen, würden sie nicht
mehr rasen.
Wie sagte kürzlich ein guter Freund: der Weg ist
das Ziel. Darüber denke ich seitdem nach, weil ich
spüre, da stimmt etwas nicht. Es stimmt nicht,
wenn der Weg mühe- und leidvoll und das Ziel
ungewiss ist; es stimmt nur für den ziellosen, der
an nichts glaubt, außer an sein Gefühl in der
Gegenwart. Diese Einstellung zum Leben ist
durchaus nicht wahnsinnig, immerhin gilt ja: was
man hat, das hat man. Fragt sich dann nur, ob
Menschen, die Kinder haben und mit den oft
frustrierenden Problemen der Aufzucht
beschäftigt sind, verrückt sind. Da sie nicht wissen
können, was aus ihrer Brut wird, ist ihr Ziel
ungewiss UND wählten damit nicht das mit dem
sinnlosen Weg verbundene Glück. Das Kinderhaben
ist der normale Entwicklungsweg in der
Gesellschaft, aber entschied man damit nicht für
die schlechteste Möglichkeit für ein
befriedigendes Leben? Kann aus dem Zwang zur
Vermehrung die Situation entstanden sein, dass
Eltern und Kinder unzufrieden sind? In einer
Gesellschaft, die sich aus Idioten zusammensetzt,
wäre das normal.
Mein Gott, bei der Philosophiererei wird man ja
ganz verrückt. Ich schließe abrupt, nicht ohne die
Entscheidung, noch ein paar schöne Bilder zu
spendieren, damit die Seite nicht gar so schlimm
wird.
Wolfgang
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