Hier erleben wir aber die Folgen jener neuerdings von allen
Dächern gepredigten Lehre, dass der Staat das höchste
Ziel der Menschheit sei, und dass es für einen Mann keine
höheren Pflichten gebe, als dem Staate zu dienen: worin ich
nicht einen Rückfall in’s Heidenthum, sondern in die
Dummheit erkenne. Es mag sein, dass ein solcher Mann, der
im Staatsdienste seine höchste Pflicht sieht, wirklich auch
keine höheren Pflichten kennt; aber deshalb giebt es
jenseits doch noch Männer und Pflichten – und eine dieser
Pflichten, die mir wenigstens höher gilt als der
Staatsdienst, fordert auf, die Dummheit in jeder Gestalt
zu zerstören, also auch diese Dummheit. ... Wie sieht nun
der Philosoph die Cultur in unserer Zeit an? Sehr anders
freilich als jene in ihrem Staat vergnügten
Philosophieprofessoren. Fast ist es ihm, als ob er die
Symptome einer völligen Ausrottung und Entwurzelung der
Cultur wahrnähme, wenn er an die allgemeine Hast und
zunehmende Fallgeschwindigkeit, an das Aufhören aller
Beschaulichkeit und Simplicität denkt. Die Gewässer der
Religion fluthen ab und lassen Sümpfe oder Weiher zurück;
die Nationen trennen sich wieder auf das feindseligste und
begehren sich zu zerfleischen. Die Wissenschaften, ohne
jedes Maass und im blindesten laisser faire betrieben,
zersplittern und lösen alles Festgeglaubte auf; die
gebildeten Stände und Staaten werden von einer
grossartig verächtlichen Geldwirthschaft fortgerissen.
Niemals war die Welt mehr Welt, nie ärmer an Liebe und
Güte. Die gelehrten Stände sind nicht mehr Leuchtthürme
oder Asyle inmitten aller dieser Unruhe der
Verweltlichung; sie selbst werden täglich unruhiger,
gedanken- und liebeloser. Alles dient der kommenden
Barbarei, die jetzige Kunst und Wissenschaft mit
einbegriffen. ... |