Wir veröffentlichen hier die Unterweisung Seiner Heiligkeit, die
er am 18. Juni 1995 in der Pagode des vietmanesischen Klosters
Vien Giac in Hannover erteilt hat.
Glauben und Vertrauen allein reichen nicht aus, wenn wir Religion
ausüben. Wir sollten uns bemühen, die Religon, die wir
praktizieren, gut zu kennen und zu verstehen. Auf der Basis eines
guten Verständnisses müssen wir versuchen, diese Lehren in
unserem Geist zum Tragen zu bringen. Wer Religion nur als einen
Glauben betrachtet und ihre Mittel nicht anwendet, um seinen
Geist zu schulen, kann ihre eigentliche Wirkungskraft nicht
erfahren. Aus diesem Grunde hat der Buddha gesagt: »Keine
unheilsame Handlung zu begehen, das Heilsame in jeder Weise zu
vollführen und den eigenen Geist zu zähmen — das ist die Lehre
des Erwachten.«
Der Buddha hat gesagt, wir sollten keine unheilsamen Handlungen
begehen — was ist darunter zu verstehen? Es ist wichtig zu
erkennen, daß Wirkungen weder ohne Ursachen entstehen noch
aus Ursachen, die ihrer Art nicht entsprechen. Die unerwünschte
Wirkung, die wir erleben, ist Leiden. Leiden ist die Wirkung von
unheilsamen Handlungen: Leiden entsteht nicht ohne Ursachen und
nicht aus völlig anderen Ursachen, sondern aus Ursachen, die den
Leiden entsprechen. Wenn wir unheilsame Handlungen begehen,
schaden wir den anderen; unsere Handlungen lösen beim anderen
Leiden aus. Da diese Handlungen beim anderen Leiden bewirken,
sind sie Ursachen dafür, daß wir auch selbst Leiden erleben
werden. Die Ursache entspricht also der Wirkung. Das gleiche gilt
für heilsame Handlungen. Heilsam sind Handlungen, mit denen wir
anderen Glück bereiten. Solche Handlungen lösen bei den anderen
Wesen Wohlergehen aus, und in Übereinstimmung damit werden
wir selbst ihre Wirkung in Form von Glück erleben. In dieser
Weise sind Leiden und Glück von entsprechenden Ursachen
abhängig, also von schädlichen oder nützlichen Handlungen in
bezug auf andere.
Ob wir heilsame oder unheilsame Handlungen begehen, hängt
wesentlich von unserem Denken ab. Wenn wir altruistisch denken
und anderen helfen möchten, entstehen von Natur her
Handlungen, mit denen wir anderen nutzen. Wenn wir böswillige
Gedanken haben und den Wunsch hegen, anderen zu schaden,
entstehen automatisch Handlungen, mit denen wir anderen Leid
zufügen. Unsere Handlungen hängen von unserem Geist ab.
Deshalb ist es so wichtig, daß wir unser Denken schulen, »den
Geist zähmen«, wie es der Buddha ausgedrückt hat.
Wir möchten kein Leiden erfahren, sondern Glück. Ist es möglich,
Leiden vollständig zu überwinden und dauerhaftes, endgültiges
Glück zu erreichen? Dies hängt von den entsprechenden Ursachen
ab. Leiden entsteht aus unheilsamen Handlungen, Glück entsteht
aus heilsamen Handlungen. Unheilsame Handlungen wiederum
gehen aus einem undisziplinierten Geist hervor, der davon
motiviert ist, anderen zu schaden. Heilsame Handlungen kommen
durch einen disziplinierten Geist zustande, der anderen nutzen
möchte. Wenn wir wissen wollen, ob Leiden zu vermeiden und
Glück vollständig zu erreichen ist, müssen wir uns also fragen, ob
wir die eigentlichen Ursachen für Leiden überwinden können: die
Leidenschaften, also undisziplinierte, verblendete
Geisteszustände. Der Buddha hat gesagt, daß die Leidenschaften
nicht zur eigentlichen Natur des Geistes gehören, sondern
vorübergehend sind. Wenn wir die entsprechenden Gegenmittel
anwenden und sie uns angewöhnen, können wir die negativen
Geisteszustände vollständig überwinden. So ist es möglich, Leiden
zu überwinden, indem wir seine Wurzeln beseitigen.
Leiden erkennen, Leidensursachen aufgeben.
Als der Buddha seine ersten Belehrungen gab, lehrte er die Vier
Wahrheiten: die Wahrheit vom Leiden, die Wahrheit vom
Ursprung des Leidens, die Wahrheit von der Beendigung des
Leidens und die Wahrheit vom Pfad, der zur Aufhebung des
Leidens führt. Was die erste Wahrheit angeht, so hat der Buddha
drei Arten von Leiden erklärt: das Leiden des Schmerzes, das
Leiden des Wandels und das Allesdurchdringende Leiden. Das
erste ist eine grobe Form des Leidens, es besteht in manifesten
leidvollen Empfindungen. Es ist vorhanden, wenn wir körperliche
Schmerzen aufgrund einer Krankheit oder auf andere Weise
direktes körperliches oder geistiges Leiden erfahren.
Darüber hinaus gibt es ein subtileres Leiden: Was wir gewöhnlich
für Glück halten, sind glückliche Empfindungen, die aber nicht
dauerhaft, sondern vorübergehender Natur sind. Wenn man das
Glück eine Weile genossen hat, wandelt es sich in Leiden um.
Dieses wird das Leiden des Wandels genannt.
Die Tatsache, daß wir Körper und Geist haben, die befleckter
Natur sind, die nicht unserer eigenen Kontrolle unterstehen und
immer wieder Leiden hervorrufen, charakterisiert die dritte Art
des Leidens, das Leiden, das alle Gestaltungen des
Daseinskreislaufs durchdringt.
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