Zu manchen Themen komme ich wie die Jungfrau zum Kind -
plötzlich steht es vor mir. Eine Frau schrieb mir, wie sehr ihr diese
"Lehre" geholfen hatte, und überall wo Hilfe auch ganz
pragmatisch Helfen bedeutet, wacht mein Interesse auf.
Was ist Advaita?
Ich fand einen erhellenden Text von Sybille Pfeffer:
Das Wort Ad-vaita stammt aus dem Sanskrit und bedeutet
„Nicht-Dualität“, im übertragenen Sinne soviel wie „Einheit“ oder
„Einssein“. Laut Prof. Dürr erklärt die fernöstliche Philosophie
genau diejenige Erkenntnis, welche er über die Quantenphysik
erlangte: Allem materiellen liegt etwas immaterielles zugrunde.
Dieses „reine Informationsfeld“ ist grenzenlos, allumfassend und
fernab von Raum und Zeit. Er nennt dies „Wirklichkeit“, was
jedoch nicht mit dem, was wir im allgemeinen „Realität“ nennen,
gleichzusetzen ist. Oder - schlicht und schön – „den Urgrund der
Lebendigkeit“.
Madhukar, deutscher Philosoph und Meister des Advaita,
beschreibt diesen „Urgrund der Lebendigkeit“ als „trans-
neurologische Realität, das ozeanische Ewige, aus der das
Individuelle wie eine Welle aufsteigt und vergeht. Das
transpersonale Selbst ist einzige immerwährende Wirklichkeit,
nämlich Frieden und stilles Glück.“
Wirklichkeit als transzendentes glückliches Nichts
Da dieses transzendente Nichts allem Existierenden zugrunde
liegt, also alles Lebendige durchtränkt, ist es nicht nur die Essenz
eines unpersonalen Universums, sondern folglich auch jedem
menschlichen Körper, jeder einzelnen Person innewohnend. An
genau diesem Punkt setzt der praktische Philosoph an: Wenn
Wirklichkeit unsere grundlegende Natur ist, dann muss sie von
jedermann erfahrbar sein! Seine Herangehensweise ist keine
Wissenschaft. Er lehrt keine Theorie, keine Übung, keine geistigen
Konzepte. Müsste man sie in einen Fachbereich eingliedern, würde
die Kategorie „Angewandte Philosophie“ genau zutreffen. In
öffentlichen Vorträgen animiert der ehemalige TV-Journalist die
Besucher zu ergründen, „wer sie wirklich sind“. Durch meditative
Stille und klärende Dialoge stärkt er die Sensibilität für diese
unbeschreibliche Ebene und macht so das Mysterium des Einsseins
direkt spürbar. Das Ergebnis: Einfach glücklich sein durch
Selbsterkenntnis.
Wie und warum uns diese Erkenntnis glücklich macht, ist in
gewisser Weise ein Rätsel. Vielleicht liegt es daran, dass die
Menschen in ihrem formlosen Seinsgrund eine höhere Macht
erkennen, und sich selbst als ein Teil von ihr. Dieses plötzliche,
zweifelsfreie Wissen, dass man eingebettet ist, in Etwas, das
größer ist als man selbst und ewiger als das Universum, gleicht
einer Vereinigung mit Gott. So wird Gotteserkenntnis zu
Selbsterkenntnis, und anders herum.
Advaita soll also Menschen glücklich machen, wenn sie die
"Wirklichkeit" erkennen. Allerdings nicht das, was ich als Realität
unserer Welt bezeichne, sondern eine außerirdische,
außerordentliche Wirklichkeit, wohl die die des Urgrundes.
Mag das ein Weg zum Glücklichsein sein, das Irdische
auszublenden. Das haben schon immer "Welche" gekonnt - und es
auch gemacht. Mag es manchen helfen, die an ihren Traumata nicht
arbeiten können, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Situation
über genügend Zeit und Geld verfügen, und solche, die, sehr
egozentrisch ausgerichtet, ihr Ich in den Mittelpunkt stellen.
Hier scheint mir auch ein Paradoxon aufzutauchen: einerseits sich
im reinen Sein der unpersönlichen Nicht-Dualität aufhalten wollen,
andererseits sich selber im Fokus von Begehrlichkeit, hier Glück,
befinden.
DAS Leben, oder die Lebensform, die für alle gleichermaßen
gültig ist, kann es wohl eher nicht sein. Niemand wird bestreiten,
dass es nicht nur und vielleicht auch nicht primär um den einzelnen
Menschen geht. In Leben steckt die Prämisse des Miteinanders,
und wie soll das konfliktfrei funktionieren mit unbearbeiteten
Problemen im Gepäck?
Und, das sage ich gleich mal dazu: schon immer störte mich am
Bhuddismus die Ausrichtung auf das Individuum, der
egozentrische Aspekt. Was dabei heraus kommt, sieht man relativ
deutlich in Indien, wo die Massen sich Karmavorstellungen
ergeben haben und, statt sich individuell zu gemeinschaftsfähigen
Menschen zu entwickeln, sich kollektiv würdelos behandeln lassen.
Alleine das Kastensystem macht mir schwerstens zu schaffen -
aber wie an anderen Stellen bereits mehrfach gesagt: In unserer
Welt werden Erfahrungen gesammelt und Ideen praktiziert, um
DAS Richtige zu finden.
Mein kurzer Text zu Advaita soll diese "Lehre" keineswegs
abwerten; im Gegenteil empfinde ich einige Aussagen als sehr
vernünftig. Aber es gibt keinen für alle gleichen Lebensweg,
geschweige denn für alle ein Glücklichsein. Der Weg, eine Lösung
für das Ur-Problem zu finden, geht durch das Trauma, durch die
Angst und durch die Verwirrung. Den schaffen ohnehin nur wenige,
mit Advaita keiner - davon bin ich überzeugt.
Glückauf!
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