Was hat er denn jetzt schon wieder?, wird sich bei meinem neuen
Thema sicher der eine und die andere fragen. Okay, aber frage mich
keiner, wie ich darauf kam, ein Thema aufzumachen, das sehr viel mit
Wohlbefinden zu tun hat - und auch mit Schwingungen. Menschen sind
nämlich durchaus nicht nur tätige Wesen, sie lassen sich auch mit
allerlei Dingen beschäftigen. Ohne es überhaupt zu bemerken denken
sie oft "fremde Ideen" und fühlen ..., ja fühlen sie fremd? Nein, sie
lassen sich von einer fixen Vorstellung erregen.
Wie ist meine Realität? Ich denke über Susanne (für Moritz trifft
dasselbe "Muster" zu) nach, ich denke an Susanne, was gestern und
morgen betrifft; ich überlege, was kann ich tun, was kann ich besser
machen. Wahrscheinlich tue ich das, weil ich Gefühle für sie habe. Nun
habe ich für andere Menschen auch Gefühle, was ich gut finde, was
aber nicht jeder gut finden mag. Heute, als wir unsere Runde mit dem
Fahrrad drehten, sinniger Weise durch Langendree(h)er, mussten wir
entscheiden, ob wir den Weg A oder B fahren. Wir fuhren B, ohne
ersichtlichen Grund. Nach ein paar hundert Metern stutzte ich: ist das
Annette? Es war Annette, von der wir gestern noch nett sprachen und
die Tage vorher auch an sie denken mussten. Was da los ging waren
pure Gefühle, für den Menchen, alleine, nicht für etwas anderes, was
er getan hat oder tun soll. Ja, mit solchen Menschen im Herzen macht
das Leben Freude, sie sind große Geschenke.
Das war meine Einleitung. Das Leben ist ja nicht einseitig, nein, man
bekommt Vielfalt, die ganze Palette serviert, auch wenn man Annette
bestellte. Und mir fiel auch wieder ein, wie ich auf das Thema kam.
Hier im Haus wohnt ein etwas dreißigjähriger Mann, der mir bereits
beim Einzug in schillerndsten Farben geschildert wurde. Da ich nicht
viel von Etikettenbeklebung halte, erlebte ich unvoreingenommen nur
den Menschen, der unter mir wohnt, machte Erfahrungen mit seinem
Verhalten. Bis spät nachts laut dröhnende Musik, nachts zwischen vier
und fünf Uhr wurde auch gehämmert. Eines nachts musste ich gar die
Polizei rufen, da um 2 Uhr heftiges Geschepper im Treppenhaus nicht
Gutes verhießen und auf mein Rufen unverständliche Laute mich nervös
machten.
Ein paar Tage später fragte ich Nachbar Claus: "Ist der Typ bekifft
oder besoffen"?, und der antwortete mit leuchtenden Augen: "Beides,
beides"! Tscha, da stehe ich nun mit diesem Typen im Fell. Irgendwie
hatte ich schlechte Gefühle (was natürlich Emotionen sind) für ihn, und
zwar jedesmal, wenn ich an seiner Tür vorbei kam. Heute dachte ich,
ob man mit diesem Menschen nicht eher Mitleid haben muss, was der
Erbärmliches aus seinem Leben macht? Genau, ich kam in meine
Wohnung und der Faden spann sich weiter hin zu der Frage: hat der
wirklich mein Mitleid (das ist auch eine Emotion!) verdient? Ist der Typ
einen fürsorglichen Gedanken wert? Ja klar, weiß ich, jeder Mensch ist
wertvoll (notfalls als schlechtes Beispiel), und gerade die Bedürftigen
brauchen Hilfe. Aber der auch?
Okay, ich hoffe, mein Problem wurde klar. Dieses sich positiv
Engagieren Wollen ist ein echtes Problem, besonders für Menschen,
die ein so genanntes (neurotisches) Helfersyndrom pflegen. Ach, der
Arme, hatte wohl eine sehr schlechte Kindheit, kam in die verkehrte
Gesellschaft, usw. Verständnis für das Elend anderer Menschen
aufbringen gilt in gewissen Kreisen als eine Tugend, als menschlich.
Immerhin können Menschen sogar für Tiere Gefühle aufbringen, sogar
für solche, die sie essen. Mitgefühl scheint ein urmenschliches Gefühl,
seine systemimmanente Fähigkeit zu sein. Aber das ist (leider) keine
Einbahnstraße; Mensch kann auch hassen und das unbequeme
Andersartige zerstören. Ehrlich gesagt kämpfen, was diesen Typen
mit seiner spät nachts dröhnenden Musik betrifft, auch meine Toleranz
und meine Wut (weil ich beim Arbeiten gestört werde) gegeneinander.
Unterwegs sah ich ein Plakat, ein kleines Mädchen abgebildet, die sagt:
"Ich veränder die Welt". Zur Spende wurde aufgerufen. Und jetzt
sind wir dichter am Thema. Auf dem Amt nahm mir eine strahlende
junge Frau meinen Verlängerungsantrag ab, wau! Beim Rausgehen sagte
ich: "Vielen Dank für ihr Lächeln". Gefühle! Unterwegs hunderte
Autofahrer, die von ihrer Luftverpestung nichts merken, dafür ich.
Gefühle, nein, Emotionen, nein. Hörte ich gerade jemanden sagen, er
MÜSSE ja mit dem Auto fahren? Und wie ist's, wenn das Benzin alle
ist? Immer noch mit Auto fahren? Siehste. Susanne hätte auch mit dem
Auto nach Langendreer fahren können, aber sie nahm das Rad, obwohl
es kalt war, obwohl die Strecke nicht gerade klein war; sie wollte das.
So, nun kommt gleich meine Skala, wenn wir eine grundsätzliche Fragen
klärten.
Mitleid mit Menschen? Nein! Sie SIND Menschen, die sich entfalten
können, mit der Option, auf vielfältige Weise zu existieren. Sie sind
beschenkt mit Dynamik und Freiheit, und haben damit einen Status, der
grundsätzlich kein Mitleid verdient: sie KÖNNEN sich bewegen,
entfalten, entwickeln.
Und nun meine Mitleids-, nein, richtiger meine Mitgefühlsskala in der
Bedeutung, wie sie mir wichtig ist - kann und sollte jeder für sich
selber besser und richtiger entscheiden:
- grundsätzlich alle Kinder
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